Heute war der Frühling. Wirklich. Es stimmte alles: Bilderbuchblauer Himmel. Eine Sonne, die freigiebig mit Wärme und Vitamin D um sich schmiss. Ein ganz leichtes Lüftchen, mehr ein Hauch, der den unaufhaltsam nahenden Sommer ahnen ließ.
Fehlte eigentlich nur das blaue Band des Dichters. Aber nichts ist vollkommen.
Kurzum: Ein Tag um wie geschaffen, die wiedererwachte Natur zu besuchen, zu begrüßen und zu erwandern . Na ja – erwandern ...
Die Zeiten des flotten ans entlang dem Bachesrand, querfeldein und tief ins Tal wie hoch über den Berg, die sind vorüber. Aber ein bisschen was geht immer wie der Bajuware hoffnungsfroh zu sagen pflegt.
Also die Liebste, den Rollator und mich ins Auto gepackt und ab ins Grün vor der Stadt. Ich will’s wissen und den Frühling da feiern und erfahren – nein: ergehen, wo er am schönsten grünt und blüht. Irgendwie ist mir nach Größenwahn zumute: Das L-Dopa scheint genau das zu machen, was es soll, ich fühle mich bärenstark. Wo sind die Bäume zum Ausreißen? Jedenfalls will ich – hübsch langsam und gesittet – eine meiner Lieblingsstrecken schaffen. Einie Kilometerche n sind das schon. Mit Pausen muss das ohne Stress zu schaffen sein.
Dass wir an solch einem sonnigen Sonntag dabei nicht allein sein würden, war mir klar. Dass Mütter mit Kleinkindern an der Hand mich locker überholen – und jeder vom Nektar halb besoffene Schmetterling sowieso – daran habe ich mich längst gewöhnt und ich schau‘ den Rasern milde lächelnd hinterdrein.
Dass wir aber völlig unschuldig in ein Leistungssport-Event gerieten, darauf waren wir nicht vorbereitet.
Ein paar Jogger und Mountainbiker mehr als an einem Nieselwetter-Werktag – Klar. Damit war zu rechnen. Aber schließlich fanden wir uns in wahren Schwärmen von verschwitzten Leibchenträgern wieder, die gnadenlos an uns vorbeistampften, mit Tunnelblick, keuchend, im letzten Augenblick dem Rollator und mir, Haken schlagend, ausweichend. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass diese wilden Horden mir nichts wirklich Böses wollten, fing ich an, die merkwürdigen Gestalten näher zu studieren. Ich will das Ergebnis meiner Untersuchungen vorweg nehmen. Gesund kann das nicht sein. Verzerrte, leidende Mienen, Atemgeräusche, die an einen sterbenden Kettenraucher erinnern, stierer Blick, nicht den Weg sondern fanatisch nur das Ziel und die Stoppuhr vor Augen.
Ich weiß ja, dass es viel bewunderte Parkinsonkranke gibt, die noch gut zu Fuß sind und gerne im Gespräch erwähnen, sie bereiteten sich gerade mal wieder auf den Halbmarathon vor. Bisher schwankten meine efühle für sie zwischen Bewunderung und Amüsement.
Seit heute haben sie mein volles Mitleid: Reicht es denn nicht, dass wir chronisch krank sind? Müssen wir uns dann noch andere Qualen antun? Vielleicht ja - nach dem Motto: Esg eht uns eh‘ nicht so toll – da kommt es nun auch nicht mehr drauf an.
Aber das nur am Rande erwähnt.
Neben diesen ein wenig trüben Gedanken kam ich heute zu einem Schlüsselerlebnis der besonderen Art.
Ich gebe zu: Ich erschreckte nicht schlecht, als ich plötzlich einen Schrei hinter mir hörte:
„Schnecke, gib Gas!“
Refexartig fing ich an, ein wenig schneller vorwärts zu stolpern. Dann kam ich wieder zu mich, drehte mich empört um, um dem Flegel das Wort zum Jogging-Sonntag zu verpassen – und brach fast zusammen: Vor Lachen.
Da hatte nicht etwa ein selbstherrlicher unsensibler rennender Holzklotz mich Schnecke zur Schnecke gemacht. Mitnichten. Hinter mir tauchte ein schlaksiger, durchtrainierter Leichtathlet auf, der über seine Schulter seiner hinter ihm drein keuchenden pummeligen Freundin die aufmunternden Worte zugerufen hatte.
Ich Schnecke grinste mir eins, bog aus dem Läufer-Pulk ab auf eine Wiese am Wegesrand, machte wieder mal ein Päuschen und freute mich meiner Langsamkeit.
Aber nicht, ohne der manischen hypermobilen Rakete auf zwei Beinen hinterher zu rufen:
Schnecke? Is‘ kuuuhl, Mään.
© 2010 Norbert Maas
Fehlte eigentlich nur das blaue Band des Dichters. Aber nichts ist vollkommen.
Kurzum: Ein Tag um wie geschaffen, die wiedererwachte Natur zu besuchen, zu begrüßen und zu erwandern . Na ja – erwandern ...
Die Zeiten des flotten ans entlang dem Bachesrand, querfeldein und tief ins Tal wie hoch über den Berg, die sind vorüber. Aber ein bisschen was geht immer wie der Bajuware hoffnungsfroh zu sagen pflegt.
Also die Liebste, den Rollator und mich ins Auto gepackt und ab ins Grün vor der Stadt. Ich will’s wissen und den Frühling da feiern und erfahren – nein: ergehen, wo er am schönsten grünt und blüht. Irgendwie ist mir nach Größenwahn zumute: Das L-Dopa scheint genau das zu machen, was es soll, ich fühle mich bärenstark. Wo sind die Bäume zum Ausreißen? Jedenfalls will ich – hübsch langsam und gesittet – eine meiner Lieblingsstrecken schaffen. Einie Kilometerche n sind das schon. Mit Pausen muss das ohne Stress zu schaffen sein.
Dass wir an solch einem sonnigen Sonntag dabei nicht allein sein würden, war mir klar. Dass Mütter mit Kleinkindern an der Hand mich locker überholen – und jeder vom Nektar halb besoffene Schmetterling sowieso – daran habe ich mich längst gewöhnt und ich schau‘ den Rasern milde lächelnd hinterdrein.
Dass wir aber völlig unschuldig in ein Leistungssport-Event gerieten, darauf waren wir nicht vorbereitet.
Ein paar Jogger und Mountainbiker mehr als an einem Nieselwetter-Werktag – Klar. Damit war zu rechnen. Aber schließlich fanden wir uns in wahren Schwärmen von verschwitzten Leibchenträgern wieder, die gnadenlos an uns vorbeistampften, mit Tunnelblick, keuchend, im letzten Augenblick dem Rollator und mir, Haken schlagend, ausweichend. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass diese wilden Horden mir nichts wirklich Böses wollten, fing ich an, die merkwürdigen Gestalten näher zu studieren. Ich will das Ergebnis meiner Untersuchungen vorweg nehmen. Gesund kann das nicht sein. Verzerrte, leidende Mienen, Atemgeräusche, die an einen sterbenden Kettenraucher erinnern, stierer Blick, nicht den Weg sondern fanatisch nur das Ziel und die Stoppuhr vor Augen.
Ich weiß ja, dass es viel bewunderte Parkinsonkranke gibt, die noch gut zu Fuß sind und gerne im Gespräch erwähnen, sie bereiteten sich gerade mal wieder auf den Halbmarathon vor. Bisher schwankten meine efühle für sie zwischen Bewunderung und Amüsement.
Seit heute haben sie mein volles Mitleid: Reicht es denn nicht, dass wir chronisch krank sind? Müssen wir uns dann noch andere Qualen antun? Vielleicht ja - nach dem Motto: Esg eht uns eh‘ nicht so toll – da kommt es nun auch nicht mehr drauf an.
Aber das nur am Rande erwähnt.
Neben diesen ein wenig trüben Gedanken kam ich heute zu einem Schlüsselerlebnis der besonderen Art.
Ich gebe zu: Ich erschreckte nicht schlecht, als ich plötzlich einen Schrei hinter mir hörte:
„Schnecke, gib Gas!“
Refexartig fing ich an, ein wenig schneller vorwärts zu stolpern. Dann kam ich wieder zu mich, drehte mich empört um, um dem Flegel das Wort zum Jogging-Sonntag zu verpassen – und brach fast zusammen: Vor Lachen.
Da hatte nicht etwa ein selbstherrlicher unsensibler rennender Holzklotz mich Schnecke zur Schnecke gemacht. Mitnichten. Hinter mir tauchte ein schlaksiger, durchtrainierter Leichtathlet auf, der über seine Schulter seiner hinter ihm drein keuchenden pummeligen Freundin die aufmunternden Worte zugerufen hatte.
Ich Schnecke grinste mir eins, bog aus dem Läufer-Pulk ab auf eine Wiese am Wegesrand, machte wieder mal ein Päuschen und freute mich meiner Langsamkeit.
Aber nicht, ohne der manischen hypermobilen Rakete auf zwei Beinen hinterher zu rufen:
Schnecke? Is‘ kuuuhl, Mään.
© 2010 Norbert Maas