Donnerstag, 3. November 2011

KurSkizzen - leicht satirisch überzeichnet - Teil 2
Eine kleine Zoologie der Kurgäste und anderen Untoten


Das Leben im Kurort (wenn man es denn so nennen will) wird getragen und geprägt von sogenannten Kurgästen. Das gilt vor allem für Klassiker wie Bad Salzuflen. Der echte Kurgast ist allerdings eine aussterbende Spezies, die sich in absehbarer Zeit sozial verträglich biologisch selbst erledigen wird.

Diese auf der roten Liste der von Ausrottung bedrohten Kreaturen als nicht zum Abschuss freigegebenen Restbestände sind zwischen 80 und scheintot und in der Regel wohlhabend bis stinkreich.

Kurgäste gehören zur Familie der Untoten. Wie ihre nahen Verwandten, die Vampire, sind sie mehr oder weniger blutarm, ernähren sich aber nicht wie ihre Vettern und Cousinen – die mit dem ebenso unverwechselbaren wie ausgeprägten Gebiss - vom roten Adersaft der Lebenden, sondern vom Schwelgen in Erinnerungen an die gute alte Zeit.

Diese mentale Speise bietet ihnen das Städtchen an den Ufern der Salze zum Überfluss. Zwar wurden mittlerweile Zugeständnisse an die Neu- und Jetztzeit gemacht. Das hängt direkt mit dem weiter oben erwähnten Aussterben der klassischen Untoten, die vereinzelt noch im Kurpark zu besichtigen sind, zusammen. Auf diese nachgeborenen Adepten,die leider degenerierten "neuen" Untoten komme ich später zu sprechen.

   Jungfernstieg-Light an der Salze   

Bleiben wir beim Fortschritt: In unserem Kurstädtchen am Fuße des Teutoburger Waldes gibt es mittlerweile eine veritable Fußgängerzone. Neben einer auffälligen Anhäufung von italienischen Eis-Cafés, die in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts als klebrig-kühl-süße Reminiszenz des Wirtschaftswunder-Kurgasts an die große weite Welt auch hier wie aus dem Nichts massenweise aus dem Boden der funkelnagelneuen autobefreiten Möchtegern-Boulevards sprossen, finden sich an der Flaniermeile erstaunlich wenige Sortimenter - und eine erkleckliche Zahl exklusiver Modegeschäfte für die Untote von Welt - mit unterirdisch unverschämten Preisen, die der wohlondulierten, schwer mit Geschmeide und dem Fell ermordeter Wildtiere behängten 80jährigen Witwe eines Oberpostdirektors die teure Illusion vermitteln, sie bewege sich auf der Kö, am Kudamm oder auf dem Jungfernstieg.

An dieser Stelle sollten vielleicht die sich einerseits ähnelnden, aber doch so grundverschiedenen Klassen von Untoten, wie wir sie in unserem Kurstädtchen anfinden, erwähnt werden.

Neben der bereits kurz vorgestellten klassischen Untoten-Upperclass der Kurgäste, die sich wie gesagt in einzelnen, aber unverwechselbaren Exemplaren ins 21. Jahrhundert herüber gerettet haben, gibt es die einheimischen, sozusagen lebenslänglichen Untoten in Bad Salzuflen.




Diese lassen sich leicht von den kurenden und rehabilitierenden unterscheiden: natürlich sind beide Unterarten mit Rollator, Gehstöcken oder im Rollstuhl unterwegs - aber die einheimischen erkennt man leicht am Hund, den sie mitführen. Sie haben IMMER einen Hund. Warum, das weiß niemand so recht. In den streng reglementierten Kurpark dürfen sie ihn zum Beispiel gar nicht mitnehmen. Aber die einheimischen Untoten meiden dieses Gelände sowieso wie Cousine und Vetter Vampir das Tageslicht, das Kruzifix und den Knofel.

Ansonsten sind die einheimischen Untoten (die in der Saison den Kurgästen und Reha-Horden zahlenmäßig deutlich unterlegen sind) meist weniger prächtig gewandet als die Kurgäste.

Ein weiteres fast untrügerisches Unterscheidungsmerkmal: Die High Society der Untoten (also die klassischen Kurgäste in Gehpelz, Samt und Seide) duften anders als sowohl die gemeinen, mit erstem Wohnsitz im Städtchen gemeldeten als auch das Proletariat der von Kasse und Rentenversicherungsanstalt in Klinik-Bettenburgen "neuen" Untoten: Der echte klassische Kurgast überdeckt seinen Moder- und Gruft-Duft mit Créationen von Chanel (die numero cinque hält sich hartnäckig) oder anderen Pariser Duftwasserproduzenten. Die niederen Klassen dagegen erschnüffelt man leicht am zweckmäßigen Kernseifengeruch oder einem Billig-Deo aus den Regalen der Discounter.

Besonders leicht olfaktorisch zu identifizieren sind Holzklasse-Untote mehr oder weniger weiblichen Geschlechts weit über 60: Sie täten zwar besser daran, sozusagen naturell Moder, Verwesung und nahe Gruftzukunft auszuströmen - aber sie bestehen hartnäckig auf regelrechten Duschen mit Tosca und 4711. Immerhin ist das so penetrant, dass ihnen der Untote von Welt relativ leicht und naserümpfend weiträumig ausweichen kann.

   An ihren Themen sollt ihr sie erkennen   

Der 08/15 Untote ist eher unauffällig. Wie ein Chamäleon - nur mit kürzerer Zunge - passt er sich seiner Umgebung, also den lebenden Kreaturen, fast perfekt an. Die Untoten der Kurorte sind dennoch leicht zu enttarnen: Sie sprechen gern, fast mit Leidenschaft, auf jeden Fall aber mit Leidensmiene, über ihre diversen Leiden, über die unfähigkeit der Ärzte, die ihnen widersprechen, über die Genialität, die Ausstrahlung und das Karma der Ärzte, die ihnen jeden Blödsinn glauben - und über übers Essen in der Bettenburg, die Betten in der Bettenburg und das Wetter außerhalb der Bettenburg.

Im Gegensatz zu ihren Verwandten, den Vampiren, müssen die Untoten der Kurstädte allerdings nicht gepfählt werden, um sie zu erlösen: Sie haben die Chance ins wirkliche Leben zurück zu gelangen - sie müssen nur auf den Tag ihrer Entlassung warten.

Die echten Untoten, also die klassischen Kurgäste, sind von dieser Regelung allerdings ausgeschlossen: sie bleiben Untote - auch ohne ihr Reservat, den Kurort. Aber erst da leben die Klassiker unter den Untoten, bei ihre nächsten Kur, dann wieder richtig auf.

Aus dem Reich der Untoten an der Salze im Lipper Land grüßt

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