Fahrstühle sind strenge Erzieher - vor allem in zehnstöckig bausündenhaft die Landschaft mordenden Rehabilitations-Kliniken So ein Lift kennt die Hektik und die Hast der kurenden Menschen - und er sieht seinen Lebenszweck darin, mehr Ruhe und Gelassenheit in unser Leben zu bringen – wenn’s sein muss mit Gewalt.
Das Gerät ist nämlich nicht etwa dazu da, Patienten bequem und behende von einem der zehn Stockwerke ins andere zu bringen - es gibt immer wieder naive und ebenso leicht- wie gutgläubige Menschen, die diesem Ammenglauben anhängen, meist während der ersten Tage nach Antritt ihrer Kur Nein, der Lift hat einen viel höheren Daseinszweck. Er wird von der Kurdirektion bezahlt (eher schlecht) und vor allem nur gelegentlich gewartet. Seine Aufgabe: Er soll die Kurgäste Geduld lehren.
Spätestens nach dem dritten völlig unnützen Versuch, sich und seinen Rollator in die ständig überquellende Kabine zu quetschen, erleidet der Anfänger ein oder zwei mittelprächtige Nervenzusammenbrüche. Das ist aber immer noch besser als eine Panikattacke in der ölsardinenmäßig voll gepackten und auch ähnlich duftenden Kabine.
Nach dem dritten nervous break down wird der Wartende melancholisch, sein Blick wird leer und stier - bis er erkennt, dass eine fast halbleere Liftkabine direkt vor ihm einladend und harmlos tuend (so als wäre nichts gewesen) ihre Türen einladen beiseite schiebt.
Was der noch unter Schock stehende, nun dankbare Kurgast und Rehabilitant nicht bemerkt: Lifttüren öffnen sich ( der Kenner sieht das mit einem Blick) sichtlich widerwillig; langsam ruckelnd gewähren sie dir scheinbar freies Geleit in die Kabine, und - dann schnappen sie unvorhersehbar zu, Mordlust im stählernen, chromglänzenden Schiebe-Tür-Gebiss.
Wenn du Glück hast, waren sie zu gierig und zu schnell und quetschen nur den Rollwagen, den du als vorsichtiger Reha-Lifter schützend als eine Art Dummie vor dir herschiebst.
Aber wer hat schon Glück.
In neun von zehn Fällen lässt der bösartige Fahrstuhl , freundlich summend, den Rollator passieren - an dem er sich eh die Zähne (pardon: die Türen) ausbeißen würde. Seine eigentliche Beute ist der Mensch, der an dem rollenden Dings dranhängt. Fahrstühle sind Carnivoren, reine Fleischfresser. Ob sie uns erschnuppern, erlauschen oder unsere Schwingungen feinfühlig wahrnehmen, ist noch nicht bis ins Letzte erforscht.
Egal: Der Lift wittert uns. Er weiß: an dem schwer verdaulichen Rollator hängt noch lecker Fleisch dran. Darauf wartet er. Nur ein leises ungeduldiges Zittern der Schiebe-Türen verrät die bevorstehende Attacke.
Wenn wir, die unschuldigen Lift-Opfer uns schon in Sicherheit wähnen, schnappen sie zu, die Türen.
Unnachgiebig, gehässig, mit gewaltigem Getöse.
Meist bleibt es bei einigen blauen Flecken und Quetschungen. Noch sind sie nicht stark genug, uns zu zermalmen. Aber sie werden stärker - und wir immer schwächer. Ob ich die zehn Stockwerke vielleicht doch lieber mühselig zu Fuß ...
Nein, dann doch lieber diesen und jenen blauen Flecken.
Und gestern, gestern geschah ein Wunder: Der Lift kam, kaum fünf Minuten nachdem ich ihn per Knopfdruck gerufen hatte (insofern haben ja Fahrstühle Ähnlichkeit mit Vampiren: Die kommen auch nur ins Haus, wenn man sie selbst herein bittet).
Also: Lift kommt, Türen auf, ich schiebe den Rollator vorsichtig hinein. Nichts geschieht. Soll ich es wagen? No risc, no lift. Also mutig vorwärts, die Türen links und rechts mit Todesverachtung ignorierend.
Und - nichts geschieht. Ich bin in der Kabine. Die Türen schließen sich und fast lautlos setzt sich der Fahrstuhl in Bewegung.
Ich sinke weinend vor Erleichterung und Dankbarkeit auf den Boden der Kabine.
Sind Fahrstühle vielleicht doch nicht so schlecht und bösartig?
Doch, sie sind.
Bei Verlassen der Kabine, nach der traumhaften Fahrt, erwischen mich die Türen mit doppelter Wucht.
Leicht lädiert, aber ungebrochen weiter mit den Fahrstühlen dieser Welt kämpfend grüßt
Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos
Zu Teil 1 der KurSkizzen: Eine Liebeserklärung? Eine Liebeserklärung!
Zu Teil 2 der KurSkizzen: Kleine Zoologie der Kurgäste und anderen Untoten
Zu Teil 3 der KurSkizzen: Wenn der Tee tanzt im Rheingold
Zu Teil 4 der KurSkizzen: Metropole der Rollatores
Zu Teil 6 der KurSkizzen: G'schichten aus dem Fahrstuhl - Fortsetzung
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