Montag, 7. November 2011

KurSkizzen Teil 4
Metropole der Rollatores

Am Gradierwerk von Bad Salzuflen treffen sich die Rollatores der Welt. Ob "Rollatores" oder "Rollateros" die politisch korrekte Bezeichnung ist, soll in Kürze ein von namhaften Rollator-Herstellern völlig uneigennütztig gesponserter Weltkongress entscheiden - natürlich in der Metropole der Rollateros, Bad Salzuflen.

Im fast lautlosem gespenstischen Reigen gleiten die Untoten von Bad Salzuflen - sie erinnern sich an die Spezies - um die altehrwürdigen Salzluft versprühenden Gradierwerk-Schwarzdornmauern, Runde um Runde, zur Flanierstunde, scheinbar nie endend, nur die Gummirädchen der Rollatoren knirschen im Gruß der geharkten Wege.

Ohne ihre Rollwägelchen, ihre Rollstühle und Elektroscooter wären sie nicht komplett. Aber die Rollatores sind deutlich in der Überzahl. Der Einfachheit halber werden übrigens auch Rollaterosin(n)en als Rollateros bezeichnet, um gender-diskriminierenden Unterstellungen vorzubeugen).

Also, die heimliche Hauptstadt der Rollatores?

Sie sind selbst einer von uns, begeisterter oder zumindest notgedrungener Rollator-Gänger, entre nous Rollatero genannt, und kennen Bad Salzuflen nicht?

Seit einigen Tagen weiß ich, dass der lauschige Ort an den Gestaden der Salze, zumindest gefühlt das Zentrum der rollenden Fußgänger, -trippler und –schlurfer ist. In dem stolzen Staatsbad - oder sollte man treffender sagen Staatsbädchen - der "Wohlfühlstadt am Fuße des Teutoburger Waldes. " bin ich gerade (ich erwähnte es bereits bei Gelegenheit)

Nein, ich bin natürlich nicht einfach nur da: Ich weile. In Staatsbädern pflegt man zu weilen. Als Begleiter meiner Reha-bedürftigen Frau genieße ich das Kurleben zwischen Reha-Klinik aus den 70er Jahren mit ihren Vorzügen und Hindernissen und dem Flair des Kurstädtchens, das mich atmosphärisch gut 50 Jahre zurück in meine Kindheitstage zurück beamt.

Aber zurück zum eigentlichen Thema dieses Reports: Angeblich bemühen sich ja noch andere, eher unbedeutende Kur- und Reha-Orte wie Baden-Baden oder Bad Harzburg um den Titel der Capitale der Rollatores. Sie haben keine Chance.

   Gefühlte Rollatoren-Dichte wie die der Japaner auf der Dom-Platte zu Köln   

Die gefühlte Rollatoren-Dichte in Bad Salzuflen, sowohl in der Klinik als auch im Kurpark, der seit den 50er Jahren in einen Dornröschenschlaf verfallen zu sein scheint, oder in der Fußgängerzone dürfte vergleichsweise der von Japanern auf dem Markusplatz in Venedig oder auf der Domplatte zu Köln entsprechen.

Als Rollator-Gänger fühlst du dich sofort wohl. Du bist unter Deinesgleichen. Gestandene Rollstuhlfahrer (oder heißt das "gesessene"?) gibt es schon auch in nennenswertem Maße - und sie werden als seelenverwandt freundlich begrüßt.

Gar nicht gern gesehen ist die schäbige Minderheit der Fußgänger ganz und gar ohne Rollen. Die stören nur - wenn sie sich nicht wenigstens munter an Unterarmgehilfen oder sonstigen Krücken uns Rollatores tempomäßig anpassen.

Zugegeben, so ganz und gar heil ist auch die Welt der Rollatores und -resinnen nicht wirklich. Da werden schon mal gern verstohlene neidgelbe Blicke auf den Super-Luxus-Rollator vom Nachbarn geworfen, und in den trendigen Elektro-Scooter, der da gerade vorbei rauscht, wünscht man sich ja nicht wirklich – aber so mal zwischendurch eine Runde über die Flaniermeile mit dem Hightech-Teil (den Rollator lässig hinterm Sitz verstaut) – das hätte doch schon was.

   Rollender Zusammenhang gegen Fußgänger unten ohne   

Aber sonst halten die Rollatores fest zusammen – vor allem, wenn im engen Fahrstuhl der Reha-Klinik sich so eine bräsige popelige Fußgängerin, mehr quadratisch als praktisch oder gar gut – zwischen unsere Wägelchen drängt und still vor sich hin schimpft, für unsereiner gebe es ja schließlich den Lastenaufzug …

Dann ja dann machen wir Rollatores es uns erst recht auf den Sitzflächen unserer rollenden Gehhilfen bequem und vermessen die Vermessene mit Breite und Raumvolumen einschätzenden Blicken.

Aus der Metropole der Rollateros grüßt

Ihr Norbert JosMaas
Euer Jos 

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