Freitag, 11. November 2011

KurSkizzen Teil 6 (Fortsetzung der Lift-G'schichten)
Quick'n Short-Talk - Virenparadies - Shaping-Studio

Der Fahrstuhl als solcher ist wesentlicher - wir gesund Halbgebildeten behaupten sogar essemtieller Bestandteil des Reha-Lebens. Schließlich verbringt der Rehabilitant einen Großteil des Tages hinter den verschlossenen Türen des Lifts.  Neben dem bereits erwähnten  ausgesprochen hinterhältigen Partisanen- und Sniper-Charakter des bösartigen Seelenlebens der Lift-Türen (siehe: KurSkizzen Teil 5 - Auch der Fahrstuhl hat eine Seele) haben Fahrstühle in Kur- und Rehabilitationseinrichtungen aber viele weitere interessante und vor allem nützliche Funktionen zu bieten.

Fahrstühle sind Kommunikationszentren. Zwischen Untergeschoss und 10. Etage bleibt man selten allein. Der Lift als Ort des verbalen Austauschs ist allerdings so etwas wie ein analoger Twitter. Statt der im "Sozialen Netzwerk" üblichen Beschränkung auf mehr oder weniger aussagekräftige 140 Zeichen fordert und fördert der Lift den Quick'n Short-Talk zwischen zwei Etagen. Aber es gibt sie doch: Die  echten bekennenden  Real-Viel-Chatter. Die sausen stundenlang ins Gespräch vertieft  zwischen Keller und 10. Etage hin und her. Leicht zu erkennen, weil sie auch nach Stunden noch im Lift anzutreffen sind - ziemlich bleich, weil sie so gut wie nie das Sonnenlicht sehen.

   Lift-Shaping zwischen den Etagen ...   

Vielfach unterschätzt wird das Lift-Shaping. Einschränkend muss man allerdings sagen, dass diese Methode der Modellierung des Körpers wie die meisten hippen Methoden von Korsett bis Miederhöschen leider nur vorübergehend funktioniert. Und so geht's:

Vornehmlich Reha-Herren im angeblich besten Alter sorgen beim Zusteigen eines beflirtbaren Exemplars des anderen Geschlechts mit krampfhaft eingezogenen Airbag (unfein auch Wampe genannt) dafur, dass plötzlich eine Menge Platz in der engen Lift-Kabine ist. Leider wird es dann aber (physikalisch ein wenig widersprüchlich) richtig eng in der Fahrstuhl-Zelle, wenn das nette Blondchen oder die resche Brünette den Fahrstuhl wieder verlässt. Dann wird der Airbag nämlich ausgelöst.

   Freie (Fahrstuhl-) Fahrt für freie Viren   

Fahrstühle sind darüber hinaus idealerTreffs für Schnupfen-Virem und andere Keime. Zwar wird mit Desinfektions-Spendern an allen Ecken und Enden von Reha-Kliniken den Keimen das Überleben unnötig schwer gemacht. Im Fahrstuhl droht den Schnupfen-, Niesen- und Hustenmacher aber keinerlei Ungemach. Im Gegenteil: Der Fahrstuhl ist die Wolke sieben für Erreger jeglicher krankmachender Art.

Betritt nur eine Schniefnase den Lift, kommt die Stunde der Viren. Wetten, dass winzigen, aber ausgesprochen effektiven Lebewesen spätestens beim Durchfahren der ubernächsten Etage mit Hilfe bewährter Schneuz-, Hust- oder Nies-Praktiken ihrer Opfer den Weg zu allen anderen Fahrstuhlgästen dinden? Ein wahres Paradies  für die kleinen Auf- und Eindringlinge.

Unfreiwilig wird der liftfahrende Reha-Patient übrigens zum Duftspezialisten. Regelmäßige Auf- und Abfahrten mit dem Lift sollten eigentlich als Praktikum für angehende Parfümeure anerkannt werden. Es ist schon erstaunlich, welche Vielfalt von früher oder später versagenden Deodorants, Body-Lotions, Pre- ind Aftershaves und Parfums sich im Fahrstuhl treffen - und vermengen.

Fortgeschrittene olfaktorische Fahrstuhl-Talente lernen aber schnell, auch mit geschlossenen Augen zu erschnuppern: "Aha, da ist doch gerade die kleine Blonde mit dem Veilchenduft zugestiegen. Und jetzt verrät eine verwehender schwulstige Patchouliwolke, dass Frau Müller ihre vollreifen Reize aus der Lifttür zwängt."

Wissen Sie nocht? Als Kinder haben wir alle bei längeren Reisen Automarkenraten gespielt- der Reha-Patient von Welt schnuppert und rät im Lift Duftmarken.

Reha-Profis wissen den Tücken und kleinen zweifelhaften Freuden des normalen Liftalltags geschickt zu umgehen: Sie weichen einfach aus auf den Riesen-Lift, der eigentlich für sperrige Lasten klobige Rollstühle und E-Scooter oder gelegentliche Sargtransporte nach  ultimativem finalem  Rehaerfolg reserviert sind.

Wer den Big-Lift nutzen will, muss meist Umwege  in Kauf nehmen: Er wird nicht unbedingt behindertenfreundlich  meist ein wenig abseits eingebaut. Dafür bietet er jede Menge Platz und saust - weil nur die wenigen "Eingeweihten" ihn benutzen - meist ohne Zwischenstopps zwischen dem Erdgeschoss und der zehnten Etage rauf ind runter. Wenn nicht ...

   Fahrspaßbremse mit Stethoskop und Liftschlüssel   

Ja, wenn nicht das Schicksal unbarmherzig zuschlägt. Dem Autor geschah es gleich zweimal an einem Tag: Frohen Mutes bestieg er den "schnellen Großen", drückte das Knöpfchen fur die 10. Etage, sein Ziel, und machte es sich gemütlich in der Riesen-Lift-Zelle. Wie schön: Der Fahrstuhl spielte ICE und rauschte ohne Zwischenaufenthalt in die oberste Etage. Die Digitalziffern der Etagenanzeige verkündeten: 8, dann 9, dann 10.

Hurra. Persönliche Bestzeit.

Und dann? Der Fahrstuhl stoppte auftragsgemäß in der 10. Etage, stand, und  ...

Dann geschah erst mal nichts. Die Türen dachten ja gar nicht daran, sich, zum Verlassen des Lifts einladend zu öffnen.Na ja - immerhin konnten sie mich vorerst dieses Mal  beim Verlassen des Fahrstuhls nicht zerquetschen.

Ein Druck auf dem manuellen Türöffner wurde vom Lift eisern ignoriert. Statt dessen setzte er sich wieder in Bewegung - abwärts, das eigentliche Fahrtziel weit über sich lassend. Unerbittlich sank und sank die Kabine des Grauens umd hielt erst wieder im Klinik-Keller an. Dort öffneten sich dann auch wieder brav die Türen, um einen Menschen ganz in Weiß einzulassen. Der hatte ein Stethoskop malerisch um den Hals drapiert und einen Schlüssel in der Hand. Einen Lift-Schlüssel. Den Schlüssel, der dem Inhaber Vorfahrt gewährt.

Der Autor schwört: Bei der nächsten Reha hat er einem Nachschlüssel für den Groß-Lift in der Tasche. Und dann bist er endlich: Der Herr der Schlüssel-Ringe

Von mir gehorchenden Fahrstühlen versonnen träumend und mit imaginären Liftschlüsseln am Schlüsselring klimpernd grüßt

Ihr Norbert Jos Maas
Euer Jos



Zu Teil 1 derKurSkizzen: Eine Liebeserklärung? Eine Liebeserklärung!
Zu Teil 2 der KurSkizzen: Kleine Zoologie der Kurgäste und anderen Untoten
Zu Teil 3 der KurSkizzen: Wenn der Tee tanzt im Rheingold
Zu Teil 4 der KurSkizzen: Metropole der Rollatores
Zu Teil 5 der KurSkizzen: Auch der Fahrstuhl hat eine Seele

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen