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Anders gefragt: Was macht Weihnachten überhaupt erst zu Weihnachten?
Ist es der feierliche Gottesdienst in den Kirchen, die alle Jahre wieder einmal wenigstens vollgepfropft sind mit gefühlsbeduselten Menschen, die an 364 Tagen im Jahr mit ihrem „lieben Gott“ nichts zu tun haben wollen - sei es als alter dicker Mann mit weißem Bart, sei es als Säugling in einer Obdachlosenunterkunft, und an den sie überhaupt nicht so recht glauben wollen oder können?
Nein. Der Wegwerf-Gottesdienst ist es nicht.
Es gibt sie nämlich durchaus, die aufrecht ungläubigen Weihnachtstags-Genießer, die es nicht nötig haben, für ein, zwei Stunden im Jahr religiöse Empfindungen zu entdecken, die ihnen längst abhanden gekommen sind, und die doch den schönen Kindheitsbrauch der Weihnacht zelebrieren und genießen und dazu kein Bad in der Gotteshaus-Menge brauchen.
Sind es dann vielleicht die kleinen und großen Geschenke zum Fest? Ist es die als purer Altruismus perfekt getarnte Konsum- und Kaufsucht - die bitter enttäuscht wird, wenn die üppig Beschenkten nicht Gleiches mit mindestens geldwert Gleichem vergelten, besser noch: übertrumpfen?
Nicht unbedingt.
Ich kenne überzeugte und bekennende Weihnachtsgeschenke-Verweigerer (zu denen auch ich zähle), die gut ohne Krawatten und Parfüm in glitzernder Weihnachtsverpackung auskommen (ohne dabei zu Dogmatikern zu werden: Enkel bekommen natürlich eine Kleinigkeit und ich freue mich bannig über ein Bild von den Lütten zum Fest). Aber es weihnachtet durchaus ohne Konsum-Zwänge, Protzgeschenke oder gar einfallslose Gutscheine). Kleine und große Spenden an den Autor dieser Zeilen bitte ich bis nach dem Fest zu verschieben.
Oder wird Weihnachten erst zur richtigen Weihnacht durch das ganze Gedöns rundum - von der Nordmanntanne über die hüftschwingende und Jingle Bell grölende Santa Claus-Figur, genuine-made in Taiwan, bis hin zu den sich kaninchenartig in Siedlungen vermehrenden, CO2 schleudernden Weihnachtshäuser, die mit ihren megawattfressenden Millionen von Dächer, Wände und Vorgärten überwuchernden Glühlämpchen an Lichterketten die Energiekonzerne alle Jahre wieder reich bescheren?
Nein, es weihnachtet ganz und gar und gefühlsecht in schöner Tradition auch mit einigen bescheidenen Tannenzweigen statt dem nach Herrn Nordmann benannten sauteuren Gewächs mit seinen, in einer Sendung mit der Maus im Jahre 2006 exakt gezählten 187.333 Nadeln (in 1,63 Metern Höhe), die zwar nicht gar so früh rieseln wie ihre popeligen, aber bezahlbaren Fichten-Vettern, aber doch auch irgendwann auf dem Teppich der guten Stube zu finden sind.
Aber es gibt es doch: Das weihnachtlich, oh du fröhliche Alleinstellungsmerkmal.
Es ist - die Weihnachtskatastrophe.
Gemeint sind nicht die obligatorischen Flugzeugabstürze, die schlagzeilenträchtig immer prompt aufs Weihnachtsfest programmiert zu sein scheinen oder die peinlichen Festtagsansprachen von schnorrenden Schnäppchen-Präsidenten. Die Rede ist von der hundsgemeinen kleinen, aber feinen hausgemachten Katastrophe, ohne die Weihnachten nun wirklich nicht Weihnachten wäre.
Wer ehrlich ist, wird sich eingestehen, dass er hin und wieder am 27. Dezember manchen Jahres gegrübelt hat, was um Himmels willen in diesem speziellen Jahr denn wohl am perfekten Weihnachtsfest gefehlt haben könnte.
Klarer Fall: Wenn aus irgendeinem unerfindlichen Grund die Weihnachtskatastrophe verpatzt oder einfach vergessen wurde, ist irgendwie die ganze Weihnacht versaut.
Etwas für Fortgeschrittene sind dagegen schon gut versteckte Weihnachtsgeschenke, die sich nicht mehr rechtzeitig vor der Bescherung am Heiligabend wieder orten lassen – nicht einmal mit GPS. Diese Weihnachtskatastrophen-Spezialität hat für alle Beteiligten übrigens nicht zu unterschätzende Vorteile: Dem (nicht) Beschenkten bleibt die Vorfreude auf etwas, was möglicherweise ja eines fernen Tages doch wieder auftaucht. Und der vergessliche, aber irgendwie geniale Spender hat mit einiger Wahrscheinlichkeit ein adäquates Präsent für den nächsten anstehenden Geburtstag des oder der diesmal leer ausgehenden Bescherten - vorausgesetzt, er findet bis zu diesem Ereignis das Weihnachtsgeschenk-Versteck wieder. Eine typische Win-Win-Konstellation, wenn ihr mich fragt.
Psycho-Terror in der Wohltat-Maske
Wirklich subtil und garantiert nervenzerfetzend effektiv ist aber nur echter Psychoterror zum Christfest. Subtil dann, wenn die angezettelte Katastrophe als Wohltat camoufliert wird. Ich muss neidlos zugestehen, dass wir Männer es in dieser Disziplin wohl nie weit bringen werden. Wir brechen allenfalls zu den Feiertagen einen längst überfälligen ehe- oder auch unehelichen Streit vom Zaune, brüllen ein bisschen rum bis endlich Tränen fließen - und geben dann zerknirscht klein bei. Sowas kann jeder Weihnachtskatastrophen-Azubi im ersten Lehrjahr.
Die wirkliche erstklassige Weihnachtskatastrophe beherrschen nur Frauen - aber das irgendwie von Geburt an. Alles eine Frage der Gene, sag ich immer.
Grundvoraussetzung ist, dass sie es "nur gut meinen". Frauen meinen alles vom Tage ihrer Geburt an immer "nur gut".
Die zweite Voraussetzung für die geradezu Oscar-verdächtige Weihnachtskatastrophe ist, dass sie die Verursacherin selbst möglichst wenig, besser gar nicht in Mitleidenschaft zieht. Nur so kann ja eine Katastrophe wirklich genossen werden. In diesem Zusammenhang ist die verkohlte Festtagsgans eigentlich nur etwas für vegetarische Köchinnen (die sich statt des überhitzten Vogels dann anschließend an einer Tofu-Delikatesse und einer Handvoll Körnern gütlich tun und die Qual der fleischfressenden Katastrophenziele genießen). Doch zurück zur Krone der Katastrophen, dem sorgsam geplanten subtilen Attentat auf das Wohlbefinden der Zielperson .
Ich will das Meisterwerk der weihnachtlichen Katastrophen an einem klassischen Beispiel deutlich machen. Es ist eine wahre Geschichte, die nur wegen der mir angeborenen Pfiffigkeit ein Happyend fand - und deshalb hier und jetzt erzählt werden kann. Wer weiß, ob sie sonst nicht ein, sagen wir eher finales Ende genommen hätte.
Aber der Reihe nach.
Manche Frauen finden es ja immer noch ungemütlich, wenn der Allerliebste einen nicht geringen Teil der Weihnachtstage auf der Couch verbringt, mittels Notebook oder iPod und drahtlosem Netz unterwegs im Cyberspace und nicht wirklich real ansprechbar. Man kann darüber streiten (immerhin hockt der Wanderer in den weltweiten Netzen ja nicht fernab, im Arbeitszimmer vor dem großen Monitor, sondern im trauten Familienkreis, sich mit Minigeräten bescheidend). Aber solche Diskussionen sind bekanntlich nicht wirklich zielführend und enden womöglich mit ernsthaften Zerwürfnissen - und das am Fest, das sich Friede, Freude und Eierpunsch aufs Panier geschrieben hat.
Aber: Katastrophe muss nun mal sein. Da müssen wir alle durch.
Ohne Hausputz keine Katastrophe
Wie geht also die wahre Queen of Disaster vor? Sie plant sorgfältig - zum Beispiel den obligatorischen vorweihnachtlichen Hausputz. Der ist ja an sich schon Katastrophe genug für jeden das Leben und die unordentliche Gemütlichkeit liebenden Mann. Der verzieht sich - mit Notebook - in die entfernteste Ecke seiner Couch, wartet mit leicht gequälter stiller Duldermiene darauf, dass das Ungemach ein Ende nimmt - und ahnt nicht, dass diese Katastrophe sozusagen nur das Vorspiel ist.
An dieser Stelle ist ein kleiner Zeitsprung angebracht. Der geneigte Leser mag nur im Hinterstübchen bewahren, dass kurz vor dem Fest der leider unumgängliche Hausputz stattfand. Ohne Hausputz keine ordentliche Katastrophe, sage ich immer.
Springen wir also wohlgemut in die späten Stunden des Heiligabends.
Die Familie sitzt traulich versammelt in der Feststube und übt sich in gepflegtem Smalltalk mitsamt einiger, durch die Erinnerung verbrämter Schilderungen früherer Weihnachtskatastrophen.
Der Mensch mehr oder weniger männlichen Geschlechts, der in der guten alten, wenn auch nicht immer politisch korrekten Zeit gelegentlich auch schon mal in tiefer Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse als "Herr des Hauses" bezeichnet wurde, klappt immer wieder, leicht entnervt, seinen Laptop zu und beteiligt sich notgedrungen am Gespräch. Auf scheinbar teilnahmsvolle Erkundigungen seiner Liebsten (die mit dem Hausputz, der Leser erinnert sich) nach seiner Gereiztheit murmelt er so etwas wie: "Das Mist-WLan geht immer wieder in die Knie" Schließlich gibt er auf, räumt das Notebook beiseite und drängt zur Nachtruhe.
Zu der kommt er aber nicht. Immer wieder schreckt er aus dem dringend benötigten Nacht- und Erholungsschlaf empor, eilt ins Wohnzimmer zum Notebook und überprüft mit zunehmend aufsteigender Panik, ob der drahtlose Zugang zum weltweiten Netz endlich wieder in akzeptabler Geschwindigkeit möglich ist. Das Gegenteil ist der Fall. Schließlich ist die Funk-Leitung in den Cyberspace mausetot.
Für den Internet-Junkie von Welt an sich weiter kein Problem. Er weiß, dass solch ein Problemchen sich - meist - einfach lösen lässt. Er muss nur ein kleines Gerät, Router genannt, kurze Zeit von der Steckdose trennen und wieder einstöpseln, und schon regelt sich das Malheur wie von selbst.
Nur: Es ist mittlerweile tiefe Nacht, halb vier in der Frühe des ersten Weihnachtsfeiertages, um genau zu sein, und das Haus und die Menschen darin liegen in tiefem Schlummer. Aber auch das ist - an sich - kein Problem. Der frustierte Surfer in den Weiten des Internet-Alls kennt sowohl seine Wohnung im allgemeinen als auch das eheliche Schlafzimmer, wo er wegen der unschuldig (?) schlummernden Gattin kein Licht anknipsen mag, wie auch das Regal dort, wo der Router steht und das Gerät selbst durch und durch. Die kleine rettende Reparatur schafft er auch im Dunkeln.
Denkt er.
Schlafzimmer und Regal findet er nachtblind ohne Probleme. Aber:
Wo ist der verdammte Router?
Er stand seit jeher auf dem dritten Regalbrett von unten oben auf einem mit allerlei Kleinkram gefüllten Weidenkorb Und außerdem konnte man das Gerät wegen allerlei leuchtender oder blinkender Lämpchen gerade im Dunkeln gar nicht verfehlen.
Nur: Da leuchtet - nichts. Undurchdringliche Finsternis im Regal.
Das ist schlechterdings nicht möglich. Wenige Stunden zuvor musste es den Router, diese Nabelschnur zu dem Netz, das für viele die Welt bedeutet, noch gegeben haben. Denn: Ich war online.
Und jetzt? Ich taste die Regal-Etage ab. Da ist fühlbar eine absolut glatte Fläche. Kein Gerät.
Nix. Niente. Nitschewo. Nada. Nothing. Niets. Rien
Der Rest der Nacht gehört nicht unbedingt zu meinen erholsamsten. Hat sich der Router in nichts aufgelöst? Ist ein Familienmitglied plötzlich wahnsinnig und kleptoman geworden ?
Hatte ich all die Jahre vom Internet nur geträumt? Von den anregenden Dialogen in meinem Lieblings-Parkinson-Verein ganz zu schweigen.
Möglich ist ja alles.
Wie auch immer. Unter derlei düsteren Gedanken neigt sich auch diese Nacht, eine der bekanntlich längsten des Jahres ihrem Ende zu und weicht der Morgendämmerung (Sie wissen schon: Herr Islam und sein „Morning has broken“).
Mit dem aufkeimenden Licht deutet sich auch des Mysteriums Lösung - und hoffentlich ein schnelles Ende dieser Weihnachtskatastrophe an.
Ein Blick genügt. Da, wo kürzlich noch der Router im Regal-Weidenkorb gelegen hatte, ganz oben auf, liegt jetzt - ein Brett. Kein sonderlich respektables Brett. Beim näheren Hinschauen stellt es sich als koppheister liegender Bilderrahmen heraus.
Das liegt doch wohl nicht etwa auf ...?
Doch, genau das tut es. Als ich es anhebe, schmurgelt mir, maßlos überwärmt dank Luftabschluss, der vermisste Router entgegen. Die Lämpchen, SOS blinkend in heller LED-Aufregung.
Die erste Hilfe, die ich Stecker ziehend, weniger fachkundig als panisch leiste, kam wohl in letzter Minute, aber nicht zu spät. Der virtuelle Teil der Weihnachts-Restzeit ist gerettet.
Und die Attentäterin? Die strahlt die reine, fast möchte man sagen jungfräuliche Unschuld des Herzens aus. Sie habe es ja nur "gut gemeint", beteuert die Herzensallerliebste mit grottenehrlichem Augenaufschlag.
Nun gut. Die Gattenmord-Gelüste schwinden dann auch irgendwann und machen dem alles zukleisternden Weihnachtsfrieden grummelnd Platz. Ich kann ihr einfach nicht wirklich böse sein. Und immerhin: Ich darf den Rest der Feiertage - vielleicht ja sogar noch zu Sylvester und am Neujahrstag ungestraft die brave new world erkunden. Sie wird es nicht wagen, auch nur einen schiefen Seitenblick zu werfen.
Sicherheitshalber habe ich aber doch den Rest des ersten Weihnachtsfeiertags damit verbracht, kleine kanarienquietschgelbe Post it-Zettel auf diversen technischen Geräten zu verteilen.
Noli me tangere
Nooit anraaken
Don't never ever touch me (doppelt verneint hält eben besser)
Non toccare
Ne pas toucher
NICH' ANPACKEN.
Post scriptum: Als sowohl Gourmet wie auch Gourmand habe ich Herd, Backofen, Kühlschrank und Spülmaschine unbeklebt gelassen.
Die Zeit der kohleschwarzen Weihnachtsgänse haben wir ja längst hinter uns gelassen Wir, wir sind Weihnachtskatastrophen-Profis.
Noch was: Nächstes Jahr bin ich wieder dran. Ich bastle jetzt schon an einer kleinen, aber extrafiesen Katastrophe, die pünktlich zum nächsten Christfest alle Fernseher in der Wohnung nur noch die Filme spielen lässt, die ICH liebe. Das dumme ist nur: Die gibt es nicht - die wiederholen nur das, was ich nicht mag.
Rache muss man kalt (und lächelnd, sozusagen kalt lächelnd) genießen
Norbert Jos Maas



